Krieg
Nur für Mädchen:
Es gibt einen Unterschied zwischen Furcht und Angst. Furcht macht schnell, Angst lähmt. Furcht haben wir vor Ereignissen und Situationen, die wir kennen. Wir wissen, wie wir reagieren müssen, um dem Furchtbaren zu zu entkommen. Im einfachsten Fall reicht es, wenn wir wegrennen. Im schwierigsten Fall müssen wir ihm entgegentreten und uns mit ihm schlagen. Angst haben wir vor dem Unberechenbaren, den Dingen, die verborgen sind. Angst frisst sich fest, sie macht, dass wir uns nicht mehr bewegen können. Sie ist ein Gast, der nicht geht, wenn wir ihn darum bitten. Sie bleibt, bis sie alles aufgefressen hat: die Sonne, das Licht, das Lächeln. Der Krieg, der zur Zeit herrscht, wird mit Angst geführt. Weil es eine neue Form des Krieges ist, die so noch niemand erlebt hat. Dieser Krieg ist die Zukunft, keiner kann sagen, wie er enden könnte. Alles ist möglich, wie in einem Alptraum.
Das Magazin Der Spiegel hat die Deutschen gefragt, ob sie Angst davor haben, dass Europa in den Krieg gezogen wird. Nur 56 Prozent der Männer beantworteten diese Frage mit "Ja", bei den Frauen waren es 85 Prozent. Mädchen reagieren auf schreckliche Dinge anders als Jungs. Jungs wenden sich dem zu, was sie kennen: Waffen, Strategien, Flugzeuge. Sie reden darüber, wie man wo am besten vorgeht und mit was. Sie denken einen Anfang und ein Ende, damit befinden sie sich auf sicherem Boden. Statt Angst zu haben fürchten sie sich, aber dagegen kann man ja was tun. Mädchen können Konflikte nur dann lösen, wenn sie sie verstehen. Aber an diesem Krieg gibt es nichts zu verstehen, er ist kompletter Irrsinn und entzieht sich jeder Logik. Das macht ihnen Angst, sie müssen daran denken, was passieren könnte, und dadurch wird die Angst noch schlimmer. Mädchen denken daran, dass ihr Freund vielleicht an irgendeine Front geschickt werden könnte oder ihr Vater plötzlich nicht mehr da sein könnte, und dass sie dagegen dann auch überhaupt nichts tun könnten. Oder, wenn sie ein Baby haben, wissen sie nicht, wie sie es vor einer Bedrohung schützen sollten, die sie nicht einmal selbst kennen. Mädchen haben Angst um ihre Lieben, nicht um sich selbst.
Wenn ein Mädchen ins Krankenhaus muss, wird sie nicht weinen. Sollte aber ihr Freund eine schlimme Krankheit haben, wird sie es sofort tun. So wurden vor Jahrtausenden die Rollen verteilt: Der Mann kämpft vor der Höhle mit Waffen gegen die Starken, die Frau sitzt drinnen und schützt mit Wärme die Schwachen. Und so mittelalterlich wie dieser Krieg mit neuem Schrecken ist, so mittelalterlich ist deshalb auch die Angstverteilung. Es ist die neue alte Ohnmacht, die den Frauen Angst macht. Die Männer greifen einfach zur Waffe und führen Krieg. Gegen wen oder was auch immer.
Simone Buchholz